Hermann Graber

 

 

hermann graber

die symbole gehören uns

eröffnung fr. 2.12., 19h
ausstellung 2. - 23.12.2011
silvesterparty 31.12., ab 22h
ausstellung 9. - 20.1. 2012

geöffnet mo - fr 16 - 19h

Die Symbole gehören uns.

Sie gehören nicht der Kirche, den Staaten den Ideologien usw, sondern sie gehören dem Menschen, der frei denkt und handelt. Dem Künstler also, laut Joseph Beuys. Sie sind nicht außerhalb, sondern innerhalb von uns. Jeder Mensch ist eigentlich ein Symbol und der Künstler versucht, diese Symbolik in Wirklichkeit zu verwandeln. Er ist eine Art Nachrichtentechniker. Er versucht, seine Empfindungswelt weiterzugeben und zugänglich zu machen.

Es gibt zwar den physischen Tod, aber die Ideenwelt entwickelt sich immer weiter. Das Lebendige ist die Wahrheit. Und das Tote ist eine Illusion. Der Beweis dieser Gedankengänge ist die Natur selber, die kommt, geht, erblüht, verblüht. Es gibt kein Ende und keinen Anfang, es gibt nur die Gegenwart.
Der einzige Garant für unser Leben ist die Gegenwart in ihrer Ganzheit, alles andere ist Konstruktion.

Es geht um eine Inszenierung der Wirklichkeit, so dass man aus dieser Gleichförmigkeit und Langeweile unserer bürglerichen Gesellschaft herausspringt.
Eine Inszenierung ist symbolisch, Theater ist symbolisch. Und der Mensch müsste erkennen, dass er der Hauptdarsteller in diesem kosmischen Theaterstück ist.
Die Symbolhaftikeit soll verbindlich und tragfähig werden, auch im realen Leben, und mit der Kunst sind wir da im Zentrum.

Nietsche: "Kunst ist die letzte metaphysische Tätigkeit, die dem Menschen geblieben ist."

Hermann Graber (Gespräch)



Rede zur Eröffnung der Ausstellung
"die Symbole gehören uns"
am 2.12.2011 im kooio . forum für kunst und kommunikation, Innsbruck


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde von Kunst und Kultur!

Wir sind doch alle sehr kalt und abgestumpft geworden, man jagt uns von einer Bankenkrise zur nächsten, wir werden vorgeführt als Schatten unserer selbst und lassen uns das jetzt schon fast widerspruchslos gefallen.

Hier ist Kunst der absolute Gegenentwurf, der aus tiefster Empfindung und Lebendigkeit zum Gegenschlag ausholt.

Hier gehört unser großer Dichter Georg Trakl unbedingt her:

An die Verstummten

O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend
An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren,
Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut;
Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt.
O, das versunkene Läuten der Abendglocken.

Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.
Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne des Besessenen,
Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.
O, das grässliche Lachen des Golds.

Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,
Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

Dieser Schrei Georg Trakls ist unser Schrei, der des fühlenden und leidenden Menschen. Wir bedürfen der Kunst und Kultur, um der Narkotisierung zu entgehen und handlungsfähig zu bleiben. Stéphane Hessel hat es auf den Punkt gebracht - Empört Euch steht als Titel über seinem Essay zur momentanen Lage!

Ein weiterer Kronzeuge ist der Maler Bram van Velde, der folgendes nach 1945 zu seiner Arbeit schrieb:

Die reale Welt mit ihrer allgemeinen Logik treibt uns auf die Katastrophe zu. Der Künstler versucht, sich in seiner Arbeit von dieser Last zu befreien. Kunst wird zu einer Frage der Politik, Liebe zu einem Geschäft, Erziehung zu Unterdrückung. Inmitten all dieser Schrecken hat nur der Traum in meinem Innersten Leben. Wie aber leben die anderen? Da ist die Farbe, bisher unberührter Ausdruck - ohne Gitter, ohne Grenze, ohne Routine - ein Sonnenbad, das gänzliche Eintauchen ins Licht.

In dieser Aussage streiten zwei Welten - der graue Alltag der Zweckmäßigkeit, die uns täglich verordnet wird, und der Atem der Freiheit, der uns löst und wirklich sein lässt.

Die Welt ist offen und hält alle Geheimnisse für uns Menschen bereit, wir müssen sie nur begreifen und verinnerlichen, dann gehören uns endlich die Symbole, weil wir selbst aus allen diesen Zutaten gemischt sind.

Heute scheint der Durchschnittsmensch den Schlüssel zu sich selbst verloren zu haben, obgleich er meint, er wisse, was er wolle und ausdrücken könne, was er fühle. Der herrschende Geschmack des letzten und dieses Jahrhunderts enthüllt jedoch seine Ratlosigkeit. Der Durchschnittsmensch, ob Herrscher oder Beherrschter, ist von der Flut der Ersatzschöpfungen überspült wirden. Wir haben diesen Verfälschungsprozess die Entwertung der Symbole genannt. Wie das kam ist nicht schwer zu verstehen. Einerseits hat der Mensch von heute ein unheimlich wachsendes Gewicht intellektuellen Wissens zu tragen, während gleichzeitig seine emotionale Sphäre zu einem Anhängsel schrumpfte, unfähig, das zusammengeballte Wissen gefühlsmäßig zu absorbieren. Er steht allein.

Diese Situation gibt einen Anhaltspunkt, welcher Natur die Symbole sein können, die heute überall in Malerei, Plastik und Literatur auftauchen.

Jean Paul Sartre hat sich darüber ausgesprochen, welcher Art heute Symbole möglich sein können. Im L'Imaginaire, 1940, führt er aus, dass im Gegensatz zu früheren Perioden die symbolische Funktion nicht länger von der Außenwelt abgeleitet und erklärt wird. Das Bild (L'Image) muss aus seiner Struktur heraus zum Symbol werden. Ohne Hilfe eines Vermittlers findet das Symbol nur durch seine Form direkten Zugang zu den Sinnen.

Formen ohne offensichtliche Bedeutung, die dennoch direkt die Sinne packen, sind die dominierenden, konstitutiven Elemente der zeigenössischen Kunst.

Abschließend sagt Siegfried Giedion in seinem Buch Ewige Gegenwart: Unsere Augen sind nicht blind gegenüber den wunderbaren künstlerischen Leistungen vergangener Jahrhunderte, doch noch bewusster sind wir uns der Situation, in die uns der Rationalismus des neunzehnten Jahrhunderts geführt hat: nur für den Moment zu leben, und das Fehlen jeder Sicherheit, was die psychische Sphäre betrifft. Die Einbahnstraße der Logik hat uns in die Slums des Materialismus geführt.

Diesen 1962 geschriebenen Sätzen ist wohl nichts mehr hinzuzufügen! Außer meine Notate einer möglichen Sichtweise auf die Symbolik meines Herzens.

Hermann Graber, 9.1.2012

 

Biographie