Kandinsky: "Mein Buch, Über das Geistige in der Kunst' und ebenso ,Der blaue Reiter' hatten hauptsächlich zum Zweck, diese unbedingt in der Zukunft nötige, unendliche Erlebnisse ermöglichende Fähigkeit des Erlebens des Geistigen in den materiellen und in den abstrakten Dingen zu wecken. Der Wunsch, diese beglückende Fähigkeit in den Menschen, die sie noch nicht hatten, hervorzurufen, war das Hauptziel der beiden Publikationen. Die beiden Bücher wurden und werden oft mißverstanden. Sie werden als ,Programm' aufgefaßt und ihre Verfasser als theoretisierende, in Gehirnarbeit sich verirrt habende ,verunglückte' Künstler gestempelt. Nichts lag mir aber ferner, als an den Verstand, an das Gehirn zu appellieren. Diese Aufgabe wäre heute noch verfrüht gewesen und wird sich als nächstes, wichtiges und unvermeidliches Ziel in der weiteren Kunstentwicklung vor die Künstler stellen. Dem sich gefestigt und starke Wurzeln gefaßt habenden Geist kann und wird nichts mehr gefährlich sein, also auch nicht die viel gefürchtete Gehirnarbeit in der Kunst - sogar ihr Übergewicht über den intuitiven Teil des Schaffens nicht, und man endet vielleicht mit der gänzlichen Ausschließung der ,Inspiration'. Wir kennen nur das Gesetz von heute, der wenigen Jahrtausende, aus denen sich allmählich - mit deutlichen Abschweifungen - die Genesis des Schöpfertums emporgewachsen. Wir kennen bloß die Eigenschaften unseres ,Talentes' mit seinem unausweichlichen Elemente des Unbewußten und mit der bestimmten Färbung dieses Unbewußten. Doch das von uns durch Nebel der Unendlichkeit weit entfernte Kunstwerk wird vielleicht auch durch Errechnung geschaffen, wobei die genaue Errechnung nur dem ,Talent' sich eröffnen wird, wie zum Beispiel in der Astronomie. Und wenn es auch nur so ist, so wird auch dann der Charakter des Unbewußten eine andere Färbung haben als in den uns bekannten Epochen."



Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst
Benteli Verlag Bern
© Nina Kandinsky, Neully-sur-Seine 1952
10. Auflage, Einführung von Max Bill

Übersetzungen (der 10. Auflage entnommen):
1914, "The Art of spiritual Harmony", übersetzt von J.H.Sadler beiConstable & Co. Ltd., London und Boston;
1940, "Della Spiritualita nell 'Arte, particolarmente nellaPittura", übersetzt von Collona di Cesaro, bei Edizione di Religio, Roma;
1946, "On the Spiritual in Art", übersetzt von Hilla Rebay, beim Museum of Non-Objective Painting / The S. R. Guggenheim-Foundation, New York;
1947, "Concerning the Spiritual in Art, and Painting in particular", übersetzt von Harrison und Destertag, bei Wittenborn, Schultz Inc., New York;
1949, "Du Spirituel dans l'Art", übersetzt von M. et MmC de Man (als Luxusausgabe in einer Auflage von 3oo Stück) bei Rene Drouin, Paris;
1951, "Du Spirituel dans l' Art", mit einer Zusammenfassung von Charles Estienne, bei Editions de Beaune, Paris;
1975, "Über das Geistige in der Kunst", Verlag Bijutsu-Shuppan-Sha, Tokio (japanische Ausgabe);
1962, "Het Abstracte in de Kunst", übersetzt und eingeleitet von Charles Wentinck, bei Het Spectrum, Utrecht/Antwerpen.