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Grundlagen und Entstehung:




Es hat im Laufe dieses Jahrhunderts Tendenzen gegeben, die Kunst als etwas anderes zu sehen als als ein Produkt von Angebot und Nachfrage, z.B. als praktische Philosophie, ihre Werke als materiellen Niederschlag derselben. In dieser Bedeutung ist der Schwerpunkt des Begriffs Kunst mehr im Geist als in der Materie gelegen.

Ein Teil der heute anerkannten, vielen Menschen unverständlich anmutenden Kunst ist in verschieden reiner Form diesem Kunstverständnis zuzurechnen. Die Ursprünge der modernen Formen stammen ganz sicher aus solchen Denkweisen. Eine große Zahl von Künstlern eifert sehr verschieden bewußt den Ansprüchen dieser Väter nach. Ihre Kunstwerke sind ein Niederschlag ihres Bewußtseins, uns ist die Form natürlich, aber nur die Spitze eines Eisberges verständlich. Wir kennen das Ende eines Geheimweges, der nur in einer Richtung gangbar ist. Wenn man sie rückwärts auf das Leben bezieht, sind die Aussagen der wichtigsten Werke sehr streng. Daran anknüpfend führen hauptsächlich menschliche Entwicklung und Lebenskonzepte zum Entstehen neuer standhaltender Kunst-Konzepte und -Formen. Diese sind, will man die alten Aussagen verwirklichen und darauf aufbauende Schritte machen, gegen minimal scheinende Alltäglichkeiten, wie das Zweckdenken, von der Kunst leben zu wollen (das unbewußte Haften an einem Gegenstand, das das abstrakte Bewußtsein vernebelt) oder in den Bereich des Humanen spielende Spielregeln der Wirtschaft, Trends usw. schwer zu verteidigen. Wenn Lebenshaltungen und Lebensweisheiten zur Quelle künstlerischer Inspiration werden, wird es einem Künstler oft unmöglich, im Mainstream mitzuschwimmen, auch wenn dort im alltäglichen Sinn nichts Böses geschieht. In den heutigen Daseinsbesdingungen für Künstler sind wahrscheinich wenige übiggeblieben, die dieses Problem haben. Umso dringender ist es notwendig, einen Überlebensraum für geistige Kunstformen zu schaffen.

Anders gesagt: die Kunst ist Träger einer Geheimlehre, die wahrscheinlich auch ohne Organisation den heutigen Kunstbetrieb überleben wird, in ihm fest eingewickelt mitgetragen wird. Die weit innen liegende, für einen Menschen ohne direkte Einsicht nicht identifizierbare "echte" Kunst bildet den Träger für die gesamte, massenmäßig weit überlegene Kunst der Lernenden, die von Faszination und sehr verschiedenem Wissen gebildet wird und die Dichte der geistig entstandenen Kunst in Anlehnung an deren materielle Form nachahmt. Diese Geheimlehre ist eine Quelle und so tief, daß immer noch genug Geheimes übrigbleibt, wenn man ihre Grundgesetze der Öffentlichkeit zugänglich macht, bzw. sie öffentlich erarbeitet. Es sind die Zusammenhänge zwischen Form (Gestalt und Proportion) und unseren Bewegungen (geistige und körperliche). Um diese Gesetze in für die verschiedenen Menschen geeigneten Strukturen zu erarbeiten, möchte ich eine Kunstform etablieren, die ihre Aufmerksamkeit auf den Bereich vor und während der Entstehung materieller Kunstwerke richtet. Es soll auch an diesem geistigen Ort der Wert dieser Kunst liegen. An dieser Stelle soll die Problematik der Konzeptkunst durchbrochen und ein ihr inhärenter Schritt gemacht werden: es soll sich nicht um einzelne Kunstwerke handeln, die innerhalb des Systems der Werke auf etwas hinzeigen oder etwas sind, sondern um den Versuch einer Ehrenrettung der gesamten Kunst, beginnend bei den Vätern der Moderne (eben dieser geistbezogenen Denkweise). Durch die Entstehung eines Parallelsystems, einer Art Generalsekretariat für Genauigkeit und Seele und zur Vereinigung von Seele und Wirtschaft, soll die Geisteshaltung bzw. das Bewußtsein in den Vordergrund gerückt und für alle Menschen nachvollziehbar und erlernbar werden, die den meisten guten Künstlern natürlich ist. Ich weiß nicht, wie weit die Kunst- und die Geschichte sich selbst retten, wieviel die Menschen tun können, um sich auf einem sinnvollen Weg zu halten, aber ich glaube, es liegt zu einem Großteil in der Hand der Menschen, wohin sie sich entwickeln. Ich sehe die Moderne als einen großen humanen Versuch, der in Gefahr läuft in die Irre zu gehen. Die politischen Versuche des Kommunismus und die mechanischen Formen des Konstruktivismus waren zu materiell, aber der Gedanke, an alle Menschen zu denken und einige andere Grundgedanken sollten nicht verworfen werden müssen. Die Kunst setzt im menschlichen Geist den Anfangspunkt des Aktivwerdens frei und erhellt seine Struktur hin bis zur Handlung. An diesem viel weiter innen liegenden Ort scheint es mir sinnvoll, das menschliche Bewußtsein zu schulen. Ich stimme dem Anspruch, Kunst und Leben nicht zu vermischen insofern zu, als es die erste Voraussetzung für jeden Schöpfer von für Menschen interessanten Formen sein müßte, ein für die Entwicklung der Menschheit interessantes Leben zu führen. Nur so können seine Formen, die völlig unabhängig und getrennt davon entstehen, für Menschen wertvoll sein. Eine assoziative Vermischung von Formkunst und Lebenshaltung würde wirklich nur Verwirrung bringen, ich lehne sie aber nicht kategorisch ab. Auch die Gesetze z.B. des Zusammenhangs von Gestalt und Proportion wollen untersucht werden.

Ebensowenig wie mit einer Reißerischen sollte man diese Art Kunst mit der Schönen Kunst verwechseln, auch wenn sie ihr in ihrer Vollendung zum Verwechseln ähnlich und die Schönste sein kann. Diese Verwechslung ist im heutigen Rahmen der Kunstverwaltung (Kunstfinanzierung), des materiellen Kunstverständnisses nicht zu umgehen; daher muß am Rahmen gerüttelt werden. Ich möchte, nachdem die Aussagen von Kandinsky und seinen Zeitgenossen vom Marktwert ihrer Werke überrollt wurden, wieder beginnen, den innerlichen Weg der Kunst in den Bereichen der Erziehung (Schulen, Kunsthochschulen) und Erwachsenenbildung (Museen, Kunsthallen, Kunstvereinen) bis zu eigenen Institutionen des geistigen Kunstbewußtseins der Künstler bzw. der Kunstvermittler zu ebnen.

Es geht (unter anderem) darum, sich der Tatsache der Wirksamkeit abstrakter Formen und der Gesetze dieser Wirksamkeit bewußt zu werden, und daraus Parallelen zu einer Art der Wirksamkeit aller Handlungen zu ziehen, was ein ethisches Verantwortungsbewußtsein sehr hoher Art nach sich ziehen würde. Ich spreche nicht von formalen, eher von strukturellen Gesetzen der Wirksamkeit. In Schulen kann man das praktisch üben, zuerst müssen aber die Lehrer dieses Wissen für sich erwerben. In Ausstellungen können einzelne Aspekte der Wirkungsgesetze hervorgehoben und demonstriert werden.

Man kann die "Institutionen des Kunstbewußtseins" nicht wie Mac Donalds aus der Erde stampfen, man kann nur das Entstehen eines neuen Kunstbewußtseins vorbereiten, indem man die Voraussetzungen schafft. In einem Kreislauf von Sammlern, Künstlern, Galeristen, Schülern und Lehrern, staatlichen und privaten Geldgebern, Kunstfeinden und Kunstfreunden, Müttern und Kindergärtnerinnen kann an jeder Stelle begonnen werden. Die Voraussetzungen schafft derjenige, der dieses Bewußtsein hat. Die Form und Thematik der daraus entstehenden Institutionen kann wie gesagt der verschiedenen Struktur der menschlichen Geister entsprechend sehr verschieden sein. Daher ist es wichtig, in Bezug zur Kunst an einer wirklich grundlegenden, weit im inneren Bereich des Menschlichen liegenden Stelle umzudenken, sonst fördert man nur das Entstehen einer neuen wahllosen Formen- oder Theorienvielzahl, die nach Finanzierung oder nach Öffentlichkeit hungert.

Es ist nicht möglich, innerhalb des bestehenden Kunstsystems kunstpraxisbezogene Aussagen zu machen, weil die Macht der Praxis dieses Systems in der Ebene künstlerischer Aussagen liegt und viel stärker ist als jede Aussage. Kunstwerke, die über die Wirkung "wirken", existieren bereits, bilden aber nur die erwähnte Geheimlehre, die einer Öffentlichkeit jedenfalls heute sicher nicht zugänglich sein kann. Ungeachtet meines Respekts und meiner Sicherheit über die große Wirkkraft wirkender Werke möchte ich als Künsterin und Kunstvermittlerin neben dem Bereich der Wirkung und im Bewußtsein ihrer Trennung auch im Bereich der Aussage arbeiten, weil ich glaube, daß die Gesetze über das Zustandekommen formaler Wirkungen eine für alle Menschen nützliche Verbindung zwischen Ethik und der Wissenschaft der inhaltlichen Wirkung bilden kann. Wie immer hat jede Erkenntnis zwei Möglichkeiten der Verwendung, ich möchte grundlegend auf der Seite der ethischen Praxis bleiben und sie als ein Themengebiet der abstrakten Kunst definieren.

Ich glaube, daß es grundlegendere Strukturen als die der Wirtschaft gibt, denen sich die angestrebte autonome Struktur der Kunst - wenn dann - unterordenen muß.



Maria Rauch, Wien, Februar 1991