Die Institutionalisierung der Kunstforschung als Kunst als Kunstforschung
Die Gesetze der Wirkung abstrakter Kunst
die Praxis der Abstraktion
und vieles andere:



"Kunst als Kunst kann nicht die Welt gewinnen, ohne ihre Seele zu verlieren." Ad Reinhardt
"There is a reality. You are that reality. When you realize that you are nothing, then you become everything. That's all." Kalu Rinpoche




Die interessantesten Gedanken der Kunst des 20. Jahrhunderts sind der Allgemeinheit unbekannt. Vielleicht liegt es an der "Freiheit der Kunst" und ihrer geschichtlichen Reflexion, daran, daß die Künstler in einer Zeit der beschleunigten Variation durch die beginnende Konzeptionalisierung auf ihrer Originalität beharren mußten, und sich deshalb keine Schulen bilden konnten. Vielleicht sind diese Gedanken wirklich schwer zu verstehen oder scheinen vielen Menschen unerfreulich in ihrer Konsequenz. Vielleicht läßt sich der aufgezeigte Inhalt, der in den sechziger Jahren trotz gesamtkünstlerischer Inhalte und rahmensprengener Entwicklungen die Art der Finanzierung und Verbreitung noch nicht mit einbeziehen konnte, erst nach seiner vollständigen Verwirklichung von allen verstehen.

Die gegenständliche Kunst hat ihre Gegenstände, und die abstrakte Kunst hat ihre Theorie. Die abstrakte Kunst hat eine Entwicklung von außen nach innen genommen, in der immer wieder Struktursprünge stattgefunden haben, die nach außen ihren Theorieraum vergrößert, nach innen einen abstrakt bleibenden Kern konkretisiert haben. Unter abstrakter Kunst verstehe ich nicht ungegenständliche Kunst, sondern Kunst ohne emotionale Bindung an Gegenstände/Aussagen. Der nächste Sprung nach außen wäre der vom konzeptuellen Kunstwerk zur Selbstorganisation dieser Kunstrichtung. Ohne diesen Sprung tritt sie meiner Meinung nach auf der Stelle.

Für mich selbst ist der abstrakte Kern nicht materiell. Ein Kunstwerk ist eine Wirkung oder eine Aussage. Ich meine nicht, daß man Abstraktion äußerlich anstreben sollte. Eine Bewegung absichtlicher Abstraktion ohne der umhüllenden, viel mühsameren Humansisierung und Sozialisierung des Menschen hätte die Bedeutung oder die Wirkung von Faschismus. Meine persönliche Vorstellung einer künstlerischen Struktur ist, daß man ohne etwas herstellen zu wollen sehr frei darauf achtet, was man tut, warum man es tut, und wie man es tut, und dabei die Regeln traditionellen künstlerischen Handelns überdenkt. Das ersetzt viele Kunstwerke. Ein trotzdem sinnvoll entstehendes Werk darf, um auf diesem Weg zu wirken, in dem ganzen System, das es durchwandert um an seinen Platz zu gelangen, keine Stellen durchlaufen, die seinem Sinn und Ziel widersprechen. Es sei Aufgabe des Künstlers, bis zum Schluß darauf zu achten. Wenn der Sinn tief genug liegt, ist das gar nicht schwierig, denn es werden neue Wege entstehen. Wenn er nicht tief genug liegt, wird es seinen Sinn verdrehen. Man muß, wenn man möchte, daß das, was man sagt, wirklich und auf die Dauer Praxis wird, auf widersprüchliche oder symbolisch nicht sinnhafte Schritte möglichst verzichten und in der Folge oft auf das ganze Projekt. Sprachlich gesehen ist das eine Verlagerung der Aufmerksamkeit von den Substantiva auf die Verben. Die Gegenwärtigkeit in der Aktivität ist ein wichtiges Moment der Kunst, sie ist gleichzeitig künstlerisch, politisch und spirituell. Eine feine Struktur wirkt von innen nach außen auf die gröbere. Sie schafft unmerklich reale Veränderungen in der nächsten Ebene, die die Wirkung leiten.

Die Kunst könnte als ganzes gesehen in Bezug auf die Welt eine solche feine Struktur sein. Sie hat sie in allen Größenordnungen zur Verfügung von der Gegenwärtigkeit über die einzelnen Aspekte der Handlungen/Werke hin bis zu ihrer eigenen Institution und weiter. Wenn sie auf die feinste Ebene achtet, kann sie in den gröberen intelligent handeln. Sie wirkt, indem sie im Moment der Frage, im offenen Moment andere Entscheidungen einfließen läßt, von einer Ebene auf die andere. Sie hat auch noch andere Wege der Wirkung.

Zur Bewußtmachung, Schaffung und Etablierung dieser nach innen gerichteten Haltung und anderer Strukturen in der Kunst schlage ich die Gründung von "Kunstforschungsinstituten" vor. Unter Forschung verstehe ich den Aspekt jeder Handlung, aus dem ich lerne, im Gegensatz zum Aspekt der Veränderung der Außenwelt bzw. eines Kunstwerks. Ich stelle mir ein System unabhängiger Selbstorganisationender verschiedenen Kunstrichtungen, Kunsthaltungen und Kunsttheorien vor, mit dem Ziel der Verwirklichung der hinter den Werken stehenden geistigen Ideen. Wie eine unmaterielle Spiegelung läge die Institutionalisierung der Kunstforschung gegenüber der Werkkunst.

Ich stelle mir vor, daß, so wie in der Kunst, wenn man ein Kunstwerk als Ineinanderschachtelung von Sprachsystemen zu beobachtet, was die Aufmerksamkeit vor allem auf die Ikonographie und -logie der Bilder, Objekte, Installationen usw. lenken wird, Strategien, ich sage lieber: Methoden, erarbeitet werden, und es daneben noch ganz andere Methoden und Leseweisen gibt, man auch in der Kunstforschung zuerst viele verschiedene Forschungsmethoden und Richtungen sich nebeneinander und ineinander entwickeln lassen müßte. Der Name "Institutionalisierung der Kunstforschung als Kunst als Kunstforschung" bedeutet in Anlehnung an und Abgrenzung zu Ad Reinhardts Begriffsfindung "Kunst als Kunst als Kunst", die Institutionalisierung der Kunstforschung sei eine Kunstrichtung aus dem künstlerischen Spezialgebiet der Kunstforschung. Die Institute wären freistehend, in Kunsthochschulen und in Museen. Die Methoden der über die Welt verstreuten Institute wären verschieden und experimentell. Verschiedene Ansatzpunkte und emotionale bis intuitive Methoden würden reflektiert und beobachtet. Sie wären völlig verschieden strukturiert und ausgerichtet. Sie wären ihren Fachgebieten entsprechend vernetzt. Künstler würden darin arbeiten. Irgendwann würde es in einem Koordinatiosinstitut einer wissenschaftlichen Kunstrichtung gelingen, über die verschiedenen sich entwickelnden Methoden noch einmal zu abstrahieren, die einzelnen Methoden zuerst der Kunstforschung und dann der Kunst sozusagen von ihrem Vokabular zu entblößen und eine Art Grammatik oder Mathematik dieses sich ständig erweiternden, in allen Richtungen ins Detail gehenden Systems zu entwickeln.

In der Literatur und Musik findet jeder ohne Schwierigkeiten, was er sucht. Nur in der Kunst ist alles ungeteilt und gemischt, weil man ernste und Unterhaltungskunst nicht trennen kann, die den Formen zugrunde liegende Aktivität nicht lesen kann wie in der Musik und sich viel zu sehr von Gestaltmerkmalen leiten läßt. Die Trennung ist viel subtiler als Bild - Objekt, gegenständlich - ungegenständlich. Sie spielt sich im ungegenständlichen Bereich ab, der vor der Entäußerung liegt. Von einer Interpretation fremder Formen zurück ins Allgemeine zu finden, ist die Extremzeichnung eines Weges, den wir in der Welt eigentlich dauernd zurücklegen müßten. Vielleicht ist diese ernsthafte Beschäftigung jetzt genauso wichtig für unsere geistige Entwicklung, wie es einmal die Perspektive war. Sie ist eine Gehirngymnastik, die tolerant macht. Emotional ist es eine Übung von Geduld und Offenheit. Es das Positive, das wir aus der Kunst momentan ziehen können. Wertfreie Interpretation und eine Reflektion der Rezeption entsprechen ihr mehr als Urteil und Preis. Die vielschichtigen Reflektionsmöglichkeiten sollten allen Menschen zugänglich gemacht werden. Sie setzen eine Welt der Bezüge in Gegensatz zur Dingwelt. Sie sind die eine Hälfte einer ungewohnten Teilung der künstlerischen Handlung in analytischen Kunstformen des 20. Jahrhunderts.

Es würde, durch die Kunstforschung beschleunigt, eine Teilung innerhalb der bestehenden Werkkunst geschehen in viele Richtungen und Sparten, die sich stark verzweigen und sehr unterschiedlich ins Detail gehen. Mit dem zunehmenden Lesen- und Unterscheidenlernen der Systeme würden die Werke nach anderen Kriterien als nach ihrem äußeren Erscheinungsbild eingeteilt werden, nach Ursachen, Vorgangsweisen und Zielen, Einstiegen in komplexe Probleme, einer wissenschaftlichen und einer literarischen Richtung, etc. Es würden sich wahrscheinlich zuerst viele Einteilungskriterien finden, die jeweils die anderen völlig über den Haufen werfen würden, und die man sich als je eine Sprachgrundlage pro Einteilungsschema bewußt machen könnte. Das gäbe viel Stoff für die Kunstforschung, aber auch für Ausstellungsarbeit, die ihr Ausdruck sein könnte. Man könnte eine Folge von sinnvollen Ausstellungen mit immer wieder den gleichen Bildern machen. Ich glaube nicht, daß Denken über Kunst und direktes Empfinden sich ausschließen. Sie steigern sich sicher gegenseitig. Die Kunstforschungsinstitute würden geistige Museumsarchitektur bilden, was viel wichtiger ist als materielle. Ihr Entstehen würde die Bahnen des Marktes erweitern und inhaltlich klären, und ein Gegengewicht zum Markt, ein anderes Ventil für die Kunst schaffen.

Die Theorie dürfte der Kunst nicht zuvorkommen, denn die Kunst findet immer neue ungeahnte Strukturen, und die können der Wahrnehmung lange Zeit entgehen. Meistens kommt sie ihr bis jetzt zuvor, indem sie rückschrittlich ist und nach uralten Methoden das Vorhandene interpretiert. Oder indem sie in Werbung abgleitet. Sie dürfte sich nicht von der gängigen Wissenschaft verschlucken lassen, sie aber als eine unter vielen Methoden gelten lassen und in sich aufnehmen. Sie sollte versuchen, keine Fessel zu sein und nicht ein System ausbauen, das die Macht an sich reißt. Wenn ein Theoretiker oder Interpret das nicht aushaltet, kann er ja auf der Stelle ein neues konzeptuelles Kunstwerk schaffen. Natürlich sollte sie Selbstzweck sein, sich als Zweig der Kunst verstehen, der der Erkenntnis oder der Übung dient wie sie. Das ist ganz wichtig. Andererseits ist ein Theoriesystem nur dann interessant, wenn es so gut durchdacht und so einfach ist, daß es ins Allgemeinbewußtsein eingeht. Eine Hauptaufgabe der Institutionalisierung der Kunstforschung als Kunst als Kunstforschung ist es, das Kunstverständnis der Allgemeinheit (des Staates, der Medien, der Schulen) zu erneuern, indem sie das Bild der einzelnen Kunstrichtungen, ihre Divergenz und ihre Beziehungen sichtbar macht, und in sich stimmige Selbstorganisationen der kommerziellen und nicht kommerziellen neuen Kunstrichtungen bildet, die für jeden zu finden sind. Eine weitere, zusätzlich zu den materiellen der Museen, Auffanglager für die geistigen Bereiche zu bilden, die momentan unterentwickelt sind. Diese Bereiche sollten von den Künstlern bearbeitet werden, um die Künste auf ihrem Stand zu halten. Die Institutionalisierung der Kunstforschung als Kunst als Kunstforschung ist eine einhüllende Konsequenz der Minimal Art, indem sie die Elemente untersucht, und als "methodenfreie Methodenforschung" ist sie Konzeptkunst. Nicht zuletzt soll sie in geistiger Entsprechung zu Fluxus und ähnlichen Richtungen die Disziplin des gegenwärtigen Bewußtseins, die "Praxis der Abstraktion" fördern. Sie ist seit dem Entstehen der abstrakten Kunst aktuell und wird mit zunehmender Verzweigung ihrer Wirkung notwendiger.

Ein Beispiel wäre die Einrichtung eines Kunstforschungsinstituts zur Interpretation von Kunsttendenzen. Es sollte sich mit Geistesrichtungen und Sprachen der Kunst und nicht mit dem Befragen von Kunstwerken beschäftigen, also eher mit politischen und auch kunstintern-, also Kunstgeschichte vorwärts-, rückwärts-, und hin und hertreibend-politischen, sprich: konzeptuellen Tendenzen der Künstler. Vor allem Originaltexte von Künstlern, auch Texte aus früheren Jahrhunderten sollten vergleichend behandelt werden, um weitläufige Tendenzen für die Zukunft festzustellen. Man könnte Texte einreichen. Bücher, die ich mir jetzt vorstelle, sind z.B. "Über Kunst, Künstlertexte zum veränderten Kunstverständnis nach 1965", Hrsg. Gerd de Vries (Du Mont 1974), mit Texten von Buren, Burn/Ramsden, Kosuth, Le Witt und anderen, Mondrian, aber auch "Die Form der Zeit", von George Kubler (Suhrkamp 1982), ein kunsthistorisches Buch, das Ad Reinhardt, dessen "Schriften und Gespräche" (Verlag Silke Schreiber, München 1984) ich als "didaktisch wertvolle Koans" empfehle, in "Kunst versus Geschichte" (Art News, Jan. 1966) empfiehlt: "... das ein "Manifest" genannt worden ist und von dem man gesagt hat, es habe selbst "etwas von der Qualität eines Kunstwerks" und das jetzt als Paperback erschienen ist?" Ein weiteres Zitat von ihm: "Wie bald werden die Künstler genug Bewußtseinsdruck entwickeln, um sich zu erheben und die "Hungrigen und die Nackten" unter ihren Mitkünstlern zu retten?" Diese Bücher sind zum Teil vergriffen und für meine Generation schon schwer erreichbar. Dabei sind sie wichtig für ein Verständnis der Formen über ein oberflächliches Übernehmen hinaus.

Dieses Institut könnte ein Verlag sein, aber es könnte auch durchdachte Ausstellungen hervorbringen, die keine Texte, sondern Werke beinhalten. Völlig getrennt davon wäre in einem anderen Raum oder im Katalog die Konstruktion der Ausstellung samt Selbstanalyse und Kommentar zu sehen. Die Konstruktionen und Konzepte würden gesammelt, wieder ausgestellt, bewußt gemacht.

Der wichtigste Punkt für eine Kunst, die ihren Schwerpunkt verlagern will weg von der handelbaren Hard- und Software hin zum Nützen ihres Inhalts, welcher Art er auch immer sei, ist sicher an allen Enden die Finanzierung. Weil die Sprache der Kunst sehr indirekt ist (in einem anderen System könnte man auch sagen, sehr direkt, direkter als die gesprochene Sprache), findet sie ihr Zielpublikum nicht so leicht, und selbst dieses Zielpublikum, das in einer anderen Sprache ähnliche Probleme hat, ist vielleicht gar nicht fähig zum Konsum der fremden Sprache. Auch die Künstler selbst verwirren sich noch in dem sonderbaren und holistischen Sprachsystem, das die Kunst jetzt darstellt, und oft verwandelt sich die Geldnot in das tiefe Ziel, was dem Künstler selbst neben den vielen anderen Überlegungen nebensächlich ist, was auch ganz ehrlich ist, und diese Werke haben dann in den "Käufern" das richtige Zielpublikum gefunden. Weil aber die Sprache der Kunst, und da bin ich mir ganz sicher, holistisch ist, was bedeutet, es findet sich die "Information", der Genuß, was immer es ist, auch im kleinsten, feinsten Bereich der Spur gleich wie in gröberen Strukturen und im Konzept des Ganzen, ist das Ziel durch und durch wichtig für das Werk. Ich gehe mit Ad Reinhardt konform in dem Gedanken, daß die Künstler, um ihre Werke von solchen Nebenerscheinungen freizuhalten, sich ihren regelmäßigen Broterwerb so regeln sollten, daß er als Ziel die Werke nicht unmittelbar beeinflussen kann. Das schließt nicht aus, daß man unbelastet entstandene Werke verkauft, solange das ein Weg ist, sie ihrem Zielpublikum nahezubringen. Vielleicht existieren die Ziele für wichtige Strömungen in der Kunst noch nicht, und alle Probleme der Rezeption und auch die Finanzierungsfrage werden sich lösen, sobald wissenschaftliche Erfindungen oder ein großes Umdenken sie entstehen lassen.

Ich könnte mir eine rationale Aktionskunst vorstellen, so ähnlich wie die japanische Kunst des Teetrinkens, in der es ganz auf Bewegungen im Raum ankommt, und das Denken, eine Art Performance ohne Publikum. Als ein Beispiel stellt diese Facette eine minimale Variation oder andere Lesart der Schwerpunktverlagerung dar. Diese "Art Kunst" ist sehr zart und bereits jetzt fest eingelassen in allen Werken und Dingen, in Architektur, Literatur und Gebrauchsgenständen, im funktionalen Bereich von Gebrauchsgegenständen, überall. Sie zählt aber schlüssig aus der Kunstgeschichte dieses Jahrhunderts zur bildenden Kunst. Darin mündet für mich wirklich die andere Hälfte des 20. Jahrhunderts neben den strukturellen Tendenzen und kaum zu trennen davon. Es ist notwendig, sich die Trennungslinie und diesen unbeachteteren Teil bewußt zu machen. Diese Art Kunst dem Bewußtsein zu öffnen ist mir wichtig und ursprünglich der Grund, warum ich Künstler werden wollte. Ich nenne diesen Teil jeder Handlung dynamisch und den strukturellen statisch. Wenn man die auf diese Weise entstandenen Gegenstände als Kunst ausstellen und verkaufen würde, würde man nur den statischen Weg ihrer Interpretation (Erkenntnis) fördern. Zur Förderung der dynamischen Interpretationsweise (Praxis) müßte man sich neue Wege einfallen lassen.

Eine Idee zur Finanzierung, die ich hier vorstellen will, ist die "Installation von Künstlern in Betrieben": Die Kunst, wie ich sie verstehe, führt in der Praxis neue Strukturen und Methoden ein neben und in den jetzigen der Kunst, ihrer eigenen Theorie, der Wissenschaft, der Politik, des Handels, der Werbung, des Designs usw. Sie ist deshalb anders als die Philosophie, die sich in ihrem Ringen um Wissenschaftlichkeit dieser praktischen Dimension beraubt. Für Künstler, die in dieser Art künstlerisch tätig sind, ist es sehr wichtig, sozial gut eingebunden zu sein und ein funktionierendes Experimentierfeld sozialer, handwerklicher oder anderer Art zur Verfügung zu haben. Die "Installation von Künstlern in Betrieben" schafft Arbeitsplätze für Künstler in allen Arbeitsbereichen, die eigentlich dem Ideal für Arbeitsplätze für alle Menschen entsprächen. Die Künstler, wie alle Menschen sollten genügend Freiraum und Zeit haben, die entwickelten abstrakten Methoden zu überprüfen, neue funktionierende Methoden direkt in die Welt einzubringen und so auch auf die Umgebung inspirierend und auflockernd zu wirken. Die Befreiung der Methode hat ein Bewußtwerden der möglichen Ziele eines Menschen zur Folge. Der Künstler bzw. der Mensch müßte relativ frei sein von Leistungsdruck, weil der Schwerpunkt seiner Aufmerksamkeit nicht auf Effektivität gerichtet sein muß. Die Koordination der Menschen untereinander bei verschiedenen Methoden und Zielen sei eine künstlerische Disziplin (ähnlich der der Farben). Die Künstler arbeiten künstlerisch vielleicht auch noch in anderen Ebenen und müßten daher selbst entscheiden dürfen, wieviel Zeit, und ob sie eine hohe oder eine niedrige, verantwortungsvolle "ikonographische", oder mehr in die Feinstruktur gehende meditative Position für ihre Kunst benötigen. Im Idealfall würden dadurch Hierarchien aufgebrochen. Der Lohn wäre der Freiheit angemessen, aber auch der positiven Wirkung. Jeder Betrieb könnte eine oder mehrere Künstlerstellen haben. Wenn sich die Zusammenarbeit bewährt, könnte es immer mehr Künstlerstellen geben, mit der Zeit könnte jeder, der es will und nötig hat, ein Künstler dieser Art werden. Ich glaube, daß die Kunst als emotional zustandsbezogene Praxis Strukturen wandeln kann, und daß sie dadurch in der Lage ist, eine jetzt wichtige Mission zu erfüllen. Die Linie (wirkende Gegenwärtigkeit) hat sich von der Leinwand gelöst und steht jetzt als Lebensrhytmus (und -weg) bildene Aktion im Raum zur Verfügung. Die jetzt gängige Kunst ist gröber strukturiert, sie benötigt sie offensichtlich nicht. Wenn man sie nicht sinnvoll nützt, wird sie zum allgemein stattfindenen Rhytmus gepresst. Sie liegt als künstlerisches Aktionsmittel brach. Die Installation als Kunstform, die Ausdehnung über den Raum hat die großartige Bedeutung, die Kunst (Bewußtsein) dringt ins Leben ein. Die Künstler, die wirken wollen, müssen aber als Stand irgendwie geschützt sein, um nicht verlorenzugehen. Sie dürfen auf ihre Privilegien nicht verzichten, während sie versuchen, aus ihren Marktbedingungen auszubrechen. Sie müssen sie stückweise an die Allgemeinheit abgeben. Je weniger Privilegien sie benötigen, weil die Allgemeinheit bereits daran teilhat, desto stärker wird die Wirkung der Kunst nach außen sein. Diese Kunstrichtung ist ein Beispiel für eine mögliche Art der Kunst als Kunstforschung.

Diese Gedanken finden sich in ähnlicher Form am Anfang dieses Jahrunderts im Konstruktivismus, de Stijl, Suprematismus usw., später bei Joseph Kosuth (Der Künstler als Anthropologe, "Begegnungen", Staatsgalerie Stuttgart), Joseph Beuys und vielen anderen. Es waren konsquente Gedanken, und die weitere Konsequenz ist, sie zu verwirklichen. Sie verbessern nicht nur die Welt, sondern auch die Kunst. Um sie als künstlerische Praxis zu erhalten, liegt die Institutionalisierung/ Materialisierung/ Bewußtmachung dieser Kunstarten als "Forschungsrichtungen" nahe. Sie ist ein zweiter gleichwertiger Lösungsweg zum Ausstieg aus der Kunst (als Kunst als Leben) in den siebziger Jahren. Die abstrakte Kunst hat einen ihr zugehörigen Praxisraum eröffnet, für den ein bloßes Handelssystem nicht mehr geeignet ist. Wichtige Aussagen und für die Entwicklung der gesamten Kunst notwendige Zweige geraten in Gefahr, als schockierende Konzepte und Aussagen unter dem Siegel "original Kosuth" abgelegt, anstatt verwirklicht zu werden. Der ausschließliche Kunst-Werks-Gedanke ist vorbei, es bleiben Tendenzen.

Die Kunst ist eine Praxis, es liegt daran, das was man sagt, auch zu tun. Das, was andere vor mir ausgesprochen haben, möchte ich umsetzen.

Eine Kunstrichtung wird durch ihr Interpretationsmuster gebildet. Wir verlieren uns momentan in der Methodenfreiheit des Ausdrucks. Der Schwerpunkt könnte sich schon an den Schulen (etwas) verinnerlichen und von der Produkterzeugung hin zur Beachtung der Art und Weise des Aufnehmens als gleichwertiger Kunstrichtung verlagern, dazu, das Bestehende zu strukturieren. Ethik, Funktionalität und Gegenständlichkeit sind Halteseile. Alle Schwerpunktverlagerungen der Aufmerksamkeit gibt es im prozessualen Bereich des Aufnehmens ebenso wie in der Malerei zu studieren. Unter den Kunsthochschulen könnte es eine geben, die sich der Ursachen abstrakter Kunst, der Gesetze der Wirkung abstrakter Kunst und der daraus resultierenden erweiterten (in Raum und Zeit transponierten) Ausdrucks- und Stilmittel anderer Kunst bewußt ist. Und die dazu und zu ihren Wirkungsmöglichkeiten (zum politischen Potential dieses Programms) steht. Die Methodenforschung, gekoppelt mit neuen Gesetzen der Naturwissenschaften, die in den Schulen gelehrt werden und Kunstmaterial der Richtung Kunst als Forschung bilden könnten, macht die nächsten notwendigen Abstraktionsschritte möglich. Eine weitere "Erweiterung des Kunstmaterials" um die Kunst- und Kunstmarktgeschichte der letzten zwanzig Jahre könnte schlußendlich zur "Erweiterung des Kunstbegriffs" führen. Kunst als Forschung ist nicht Kunst als Kunstforschung, und diese ist nicht Kunst als Kunst. Der Ort der Kunst kann sich in verschiedene Richtungen verschoben haben. Wenn man die einzelnen Kunstrichtungen klar unterscheiden kann, kann man allen gegenüber toleranter sein. Sie hängen zusammen und bedingen sich gegenseitig. Ich glaube nicht, daß man Kunst und Leben oder Kunst und Theorie, die Kunst mit ihrem Material vermischen sollte, aber ich glaube, daß die Kunst, ganz zu schweigen von der Kultur, im Leben wurzelt. Als Wurzeln nur die Vermarktung der Früchte zu haben, kommt mir zu wenig und zu einseitig vor, wie überzüchtete Obstbäume oder Masttiere. Berufsmäßig einer werden zu wollen, der sich nur äußert, ist eigentlich ein absurder Gedanke. Bilder des Künstlers: Der Künstler als vom Himmel gefallener Meister, der Künstler als Legehenne, der Künstler als "Experimentmensch von Menschen aus der Zukunft", man kann das Bild des Künstlers entwerfen. Solange man gezwungen ist, um leben zu können, ein Produkt in Umlauf zu setzen, sei es in der Kunst ein Werk, eine Ausstellung, eine Theorie oder eine Institution, wird es immer viel zu viel Materie geben, die einen verwirrt und versklavt. Materie und Form können wahllos scheinen, aber die dahinter stehenden Konzepte haben eine schlüssige Entwicklung. Wir haben lange genug experimentiert und uns in den Dingen verloren, die Tatsache der zweiten Wirksamkeit liegt offen zutage. Hier kann eine Konsequenz nur im Rahmen der Organisation der Kunst gezogen werden. Unser Geschichtsbewußtsein, Kunstgeschichte und Konzeptkunst haben uns diese Tatsache längst gezeigt. Nach dem Bewußtwerden müßten wir Verantwortung übernehmen, aber wir ziehen die Erkenntnis der Praxis vor. Es steht uns frei, ob wir uns entwickeln oder sitzenbleiben wollen, aber ich glaube, daß man Erkenntnisse wie diese nicht ohne Grund hat. Die Kunst hier zu sehen als Praxisweg, Bewußtseinsgeschichte-Abbild des Abendlandes.

Das Bekanntwerden der Werke müßte dann auch über andere Bahnen laufen. Man muß noch zusätzliche Wege finden neben den jetzigen Geld- und Produktorientierten, denn diese führen nur zu Geld und Produkten. Sie bilden Ziele, lassen nichts anderes zu. Es müssen mehrere Wege gefunden werden, die zu verschiedenen Zielen führen. Veröffentlichungen aller äußeren Variationen als Ergebnisse sind im Vergleich zur inneren Entwicklung der Tendenzen nicht so wichtig. Hier muß ein Verhältnis zwischen Finanzierung und Entwicklung austariert werden. Ich glaube, momentan sind in der Kunst die letzten Schritte wichtig, die sie an ihren Bestimmungsort bringen, die Entwicklung der Bestimmungsorte. Die Künstlerinnen müssen sich unbedingt selbst damit auseinandersetzen.



Maria Rauch, Wien, Februar 1991