Vorschlag: Ein Kunstforschungsinstitut zur Gründung eines Tiroler Museums-, Kunsthallen- und Kunsthochschulkomplexes




Mit der zunehmenden Formenvielfalt der Kunst hat die Stellung der Theorie einen zentralen Wert bekommen. Das Ausstellungswesen entwickelt sich zur neuen Kunstform. Diese beiden für die gesamte Kunst wichtigen Strömungen bedürfen der Unterstützung vor allem im organisatorischen und Bildungsbereich. Ich möchte daher dem Land Tirol im Rahmen seines zukünftigen Museums moderner Kunst die Gründung eines der visuellen Information parallelgeschalteten Kunstforschungsinstitutes vorschlagen. Die Institutionalisierung der Kunstforschung als Kunst als Kunstforschung (vgl. Kunst als Kunst als Kunst, Ad Reinhardt, Kunst als Idee als Idee, Donald Judd) ist ein vom mir innerhalb des letzen Jahres ausgearbeiteter Hintergrund zur Beleuchtung einiger sehr realistischer Schritte.

Dieses Kunstforschungsinstitut sollte durch eine grundlegende, intensive und freie Forschungstätigkeit anhand der Aktivitäten des Museums einerseits alle Entscheidungen des Museums selbst vertiefen, andererseits nach außen hin didaktische Aufbauarbeit leisten.

Es hätte erstens die Funktion der Erarbeitung, zweitens der Vermittlung der Hintergründe von ständigen und laufenden Ausstellungen in Form von Vorträgen, Symposien, Seminaren usw., weiters der öffentlich zugänglichen Dokumentation gelungener vergangener Ausstellungen und theoretischer Resultate über Ausstellungswesen in Form von Videos, Büchern usw., und der Veranstaltung länger dauernder Seminare, in denen gemeinsam mit den Teilnehmern Ausstellungen und Veranstaltungen zur Kunsttheorie entwickelt würden.

Es sollte im Sinne einer gemeinsamen Arbeits- und Bildungsinstitution den Bezug zu den Tiroler Künstlern und zukünftigen Kunstforschern herstellen. Die theoretische Arbeit hätte ständigen Einfluß auf die Form und Auswahl der Ausstellungen. Ein solches Museum wäre trotz oder gerade wegen seiner nicht Konsum- und Unterhaltungskunst- orientierten Ausrichtung auch für den Tourismus interessant, wenn man bedenkt, daß, wer in Kunstmuseen geht, wahrscheinlich überall in Kunstmuseen geht und von einem gängigen Konzept auch fachlich längst übersättigt ist (nicht der Auswahl, sondern der Interpretation). Als eine Art Geheimtip mit eigenständiger Form und hochstehendem internationalem theoretischem Programm könnte man sich, ganz abgesehen von den vielen Tiroler Künstlern und Kunstinteressierten, die es verdienen, mit Information auf hohem Niveau versorgt zu sein, zum kunstinternen Tourismus- und Bildungsort entwickeln. Durch verständnisvolle, ernstgenommene Präsentation auf der Basis von Informatiosarbeit und Grundlagenforschung würde jedem ein guter Einstieg ermöglicht.

Falls das Konzept einer solchen öffentlichen Kunsthochschule die Entstehung einer konventionellen nicht völlig verdrängt, könnte sie, bzw. eine ihrer Klassen direkt in die Arbeit einbezogen werden. Die Arbeit mit Originalen sollte für interne und externe Kunstforscher zur Unterstützung der theoretischen Arbeit möglich sein. Ideen, Fragen und Wünsche könnten von jedermann im Kunstforschungsinstitut eingebracht werden und eine partikuläre freiwillige Mitarbeit wäre möglich und erwünscht. So wäre das museale Kunstforschungsinstitut unbegrenzt erweiterbar und ein Zentrum für freistehende "Institute" (siehe beiliegende Texte), das ihnen den Zugriff und die Beschaffung von Originalen erleichtert, und auch umgekehrt Originale, theoretische Arbeiten und Ausstellungen der freistehenden Institute übernimmt und vermittelt.

Es wäre eine Aufgabe des Instituts, den einzelnen Erwerbungen, Anleihen oder Beständen der Sammlung detailliert nachzugehen, sodaß jedes Stück einen starken Eigenwert und eine Geschichte hat, und in theoretischen Schauräumen die Erforschung der einzelnen Werke und ihres Umfeldes dem Besucher zugänglich zu machen. Die Bezüge unter den Werken würden bei Umhängungen neu erarbeitet, selbst wenn die Hängung auf formalen Gesichtspunkten beruht, wäre ihre "Geschichte" dem Beschauer zugänglich. Eine mögliche sinnvolle Form für Museumsausstellungen wären sehr langsam, durch gezieltes Auswechseln von Einzelstücken wechselnde Ausstellungen, die in Seminaren erarbeitet würden.

Die Forschung würde vom speziellen ins Allgemeine gehen und von dort dem Museum/der Kunsthalle/Schule sinnvolle praktische Lösungen zurückbringen. Ein Ziel wäre, ein Ort der internationalen Kommunikation zu den sich im Kunst- und kunsttheoretischen Bereich entwickelnden Themen zu sein. Daraus würde dann von selbst eine gute praktische Ausstellungsarbeit entstehen.

Die Aktualität einer sochen Denkinstitution schon lange Zeit vor der Entstehung eines realen Museums liegt angesichts der großen finanziellen Ausgaben und der Notwendigkeit, die durch die wachsende Macht der Menschen entstehenden größeren Massenverschiebungen und die allgemeine Beschleunigung von Entscheidungen in den Griff zu bekommen, auf der Hand. Die Kunst dokumentiert die Entwicklung der aus dem Wandel der Geschichte resultierenden grundlegenden Ausrichtungen der Menschen und ist als Beispiel und Struktur sichtbar. Ihrer Oberfläche auf den Grund zu gehen, die neuen Gesetze hinter ihren Entscheidungsfindungen festzustellen, ist daher ganz sicher wichtig. Notwendig ist es aber auch, aus den zutage tretenden Ergebnissen praktische Schlüsse innerhalb und außerhalb der Kunst zu ziehen.

Kunstforschungsinstitute könnten, indem sie die der Kunst inhärenten allgemeinmenschlichen und interdisziplinären Ergebnisse aufdecken, langfristig die Kunst aus ihrer Harmlosigkeit bzw. Elitesituation reißen und ihr zu realistischen Werten verhelfen. Sie könnten in alle Richtungen wirken und rückwirken, sie wären der Kunst unseres Zeitalters entsprechende Kulminationspunkte von Theorie und Praxis. Als solche betrachte ich sie selbst als Kunst, die gar nicht so utopisch ist, wie es im ersten Augenblick scheint. Ihre äußere Form ist sehr realistisch und den Bedürfnissen angepaßt. Ich möchte sie/es hiermit dem Land Tirol als sinnvollen und zeitgemäßen Schritt zur dringenden Verwirklichung empfehlen, mich selbst dazu zur Verfügung stellen.



Maria Rauch, Innsbruck, März 1991