Begründung der Notwendigkeit:



Ich glaube, daß es fast unmöglich ist, den echten Grund für ein Geschehen oder eine Handlung anzugeben. Die Wechselwirkungen sind so verzweigt und es gibt so viele Arten von Wirkung, daß man nicht sagen kann, ob man etwas wegen vergangenen Fehlentscheidungen tun muß, oder ob man zum Besten der Welt eine positive Handlung setzt. Niemand kann sagen, ob eine Sache, die unter dem Schutz der Nutzlosigkeit entsteht und als nutzlos gepriesen und verteidigt wird, nicht in irgendeinem Aspekt überlebensnotwendig ist. Das gilt für die Kunst wie für die Forschung. Man kann zwar im Groben festlegen, was die Kunst oder die Wissenschaft momentan für eine Aufgabe hat, aber man kann nicht wissen, aus welchem Grund sich das Interesse und die Faszination plötzlich wandelt, wo sich bei gleichbleibendem Äußeren ein Schwerpunkt verschiebt. Vielleicht müssen wir permanent Fehler ausbessern und es leitet uns ein Überlebenstrieb. Der kann am stärksten in den freiesten Disziplinen ausbrechen. Wenn die Künstler momentan völlig desorientiert sind, dann hat das vielleicht den Grund, daß sie sich für das Wichtige, das absurd erscheint, offen halten. Das ist eine nützliche Folge von Kontemplation, die aus ihr herausführt. Ich weiß nicht mehr, welcher berühmte Künstler sagt, daß an dem Punkt, an dem ein Künstler zu handeln beginnt, eigentlich sein Versagen liegt. Die Institutionalisierung der Kunstforschung als Kunst als Kunstforschung hat einen sehr ähnlichen Sinn wie die Semiotik. Sie sind nicht identisch, überschneiden sich aber, und die IKKF bildet einen praktischen Real- und Experimentteil, auch für Menschen wie mich, die nicht philosophisch gebildet sind. Kunst und Philosophie sind oft zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, auch ohne voneinander zu wissen und ohne Sympathie füreinander. Man könnte direkte und indirekte Einflüsse feststellen und würde nichts lösen. Ordnungsarbeit ist mehr ein Training. Die IKKF überschneidet sich wahrscheinlich auch mit Problemen der Virtuellen Intelligenz. Warum wir diese Disziplinen momentan lernen müssen, kann man nicht so genau sagen. Sie kann uns in unserem Dilemma weiterhelfen und tiefer hinein, wenn wir es wollen, andererseits aber vielleicht auch heraus. Selbst wenn es nur darum geht, sie irgendwann als sinnlos zu erkennen oder über anderen Prozessen zu vergessen, sind sie doch vielleicht überlebensnotwendige Schritte in der Situation, in der wir uns momentan befinden. Meine etwas radikale persönliche Ansicht ist, daß es besser für die Menschen wäre, die Handlungen zu minimalisieren, alle Übungen und Erfahrungen ohne technische Hilfsmittel und Abbildung der Probleme in der Materie zu machen. Das ist aber momentan nicht zu stoppen. So ist auch die IKKF für mich nur ein Regulativ für bereits Bestehendes, eine Korrektur und Hilfestellung für die Situation der Kunst und der Welt praktisch und theoretisch. Die Philosophie freut sich vielleicht, zu einem Abbild zu kommen. Vielleicht ist mein Unwissen von einigen Superhirnen in mir unzugänglichen Disziplinen schon gelöst, aber es geht doch darum, daß sich eine größere Anzahl von Menschen geistig entwickelt. Es gibt kein Medium der Praxis, alle Wissnschaften sind beschreibend, die Technik ist abbildend. Die Kunst in ihrer momentanen aufgelösten Situation ist am ehesten ein praktischer Forschungszweig, aber nur dann, wenn die Produkte als Übungsabfall gesehen werden und nicht als Endzweck. Diese Theorie gibt es im 20. Jahrhundert, man kann daran anknüpfen. Eine solche Praxisforschung im Gegensatz zur beschreibenden erscheint mir notwendig, um über die Vielzahl der Produkte und neuen Realitätschichten (Metaebenen, Medien, Abbildern von Phantasie und Traum) der Denkschichten, Argumentationsschichten, und die immer größere Verwandlungsfähigkeit der Erde durch den Menschen zu reflektieren. Es wäre, zum Teil, eine Forschung ohne materiellen Niederschlag, aber doch mehr Forschung als Kontemplation, minimal in den Bereich Forschung fallend. Ich kann auch keine genauen Aussagen über Urvölker machen, aber ich glaube, man weiß, daß Menschen die Fähigkeit zu Telepathie, vielleicht sogar Materieverwandlung und Raumwechsel ohne Instrumente gelernt haben. Buddhistischer Kosmologie nach wird die Erde immer schlechter, aber es muß doch nicht mit ihr der Geist aller Menschen alt und schwach werden. Es kann eine Gegenbewegung zur Materialisierung geben. Sonderbarerweise kann die aus unserer Welt heraus momentan am ehesten in der Kunst stattfinden, weil ihr Inhalt und Zweck in der gewohnten Form am schwächsten sind. Und vielleicht ist das deshalb so. Die Abstrakten haben es so verstanden. In der Malerei kann man den unbewußten Formzusammenhang von Entscheidungen sehen und üben. Man kann sehen, abbilden und ordnen von Gegebenem üben, früher im Naturalismus, heute in Richtungen, wie ich sie hier vorstelle. Mit den erworbenen Fähigkeiten kann man sich in alle Richtungen bewegen. Aber ich glaube, ein Bewußtwerden von Freiheit deckt nach längerem Hin und Her tiefer liegende Ströme und Sehnsüchte und große Richtungen der Selbsterhaltung auf. Auch dazu könnte die Kunst(forschung) verhelfen, in ihrer freien Form. Deshalb halte ich es für wichtig, daß die Künstler sich um die Freiheit der Kunst bemühen. Sich selbst zu organisieren ist ein Schritt, aber er ist nur sinnvoll, wenn man nicht darüber die ursprünglichen Gründe der Bewahrung der Freiheit, und den Grund hierfür vergißt.



Maria Rauch, Wien, Februar 1991