Weltliche und geistliche Schulen, Kunstklöster:



Niemals über der Kunstforschung vergessen, daß es auch noch eine Kunst als Kunst gibt. Ihr den Vorrang geben, von ihr ausgehen. Ihr Raum schaffen. Die Kunstforschung hat Vorrang vor der Kunstindustrie. Die Kunst vor der Kunstforschung. Die Kunst als Kunst vor der Kunst als Kunstforschung vor der Kunst als Kunstindustrie. Andererseits sollte es auch keine Hierarchien geben, bzw. eine Offenheit für andere Rangordnungen und Wege/Zustände. Vielleicht könnte man zwei gleichwertige Zweige annehmen: eine weltliche und eine geistliche Kunst. Ich selbst bin ein Anhänger der geistlichen Kunst. Kunstkörper sind Gegenstände, die, mehr als das Schöne, das Gute in der Welt verbreiten sollen. Deshalb wäre für mich die Ausbildung des Künstlers mehr menschlich als fachlich richtig. Das Gute ist für mich vor allem Weisheit, denn von ihr geht ein Verständis der Welt aus, aus dem heraus man nicht einmal unabsichtlich mehr jemandem oder einer Sache wehtun kann. Von den Sachen geht es weiter zu den Momenten und den Beziehungen. Eigentlich wäre man erst dann fähig, richtig gute Kunstkörper zu machen. Diese Einstellung ist mit einer Weltlichen vielleicht nicht unbedingt unvereinbar, aber ich glaube, sie braucht einen anderen Ausbildungsweg, und vor allem braucht sie ein Verständnis der Öffentlichkeit und die Bereitschaft, ihr Daseinsberechtigung zu geben. Ich bin sicher, daß sie bald Zulauf hätte und sich entfalten würde. Die weltliche Kunstschule wäre weiterhin die, die vom Material und den Bedürfnissen ausgeht. In allen beiden Schulen wären alle Kunstauffassungen, nach denen man sonst noch einteilen kann, möglich. Es könnte auch eine geistliche Schule für Kunst als Industrie geben, denn es besteht vielleicht dringende Nachfrage nach dieser Art von Kunst. Wichtig für die Vorstellung dieser Unterteilungen ist, daß die Allgemeinheit weiß, daß es sie gibt. Daß man sich schon während der Schulzeit überlegen kann, in welche dieser Schulen man eintreten will. In der geistlichen Schule gäbe es wahrscheinlich keine Aufnahmsprüfung, jedenfalls in einer von ihnen. Auch wegen der Finanzierung bräuchten die Schulen verschiedene Ordensregeln, aber die müssen nicht klösterlich sein. Sie könnten sehr verschieden streng sein je nach den Bedürfnissen der Kunstrichtung und der Künstler. Ich könnte mir vorstellen, daß eine solche Schule sich finanziert, indem sie die gefälligen ihrer Kunstprodukte verkauft, und daß jeder Künstler ernährt wird und trotzdem keiner gezwungen ist, Kunstwerke herzustellen. Es könnten auch andere Arbeiten als Kunst gemacht werden, oder sogar vorgeschrieben sein. Vom geistigen Hintergrund der Kunstrichtung ausgehend könnte man die Regeln der Finanzierung und die Ordensregeln erstellen. Ein solches Kunstkloster wäre auch für gleichzeitige Kunstforschung ideal. Ich könnte mir eines vorstellen, dessen Anfangskonzept es ist, ständig seine Struktur zu wechseln, indem es Mitspracherecht übt. Es wären wahrscheinlich einige strenge Regeln menschlicher Disziplin erforderlich. Man muß sich diese "Klöster" nicht als Wohngemeinschaften vorstellen, sie könnten auch über die Stadt oder Welt verteilt sein. Die Regeln in der Öffentlichkeit einzuhalten, stellt eine sicher für alle Teile fruchtbare Disziplin dar. (eine Regel z.B. nicht schlecht über andere reden, oder, nicht angeben, usw.) Natürlich wird das oft nicht so fruchtbar ausschauen, man wird nicht verstanden, die Regeln verbieten, sich zu wehren und man geratet in Gefahr, wie Jesus ans Kreuz genagelt zu werden. Man muß eine Zeitlang nachdenken oder es eine ziemliche Zeit lang üben, bis man kapiert, was daran fruchtbar sein soll. Und auch dann ist es sicher nicht so einfach. Aber es wäre das, was eine geistliche Schule von einer weltlichen unterscheidet. Und es ist Sache jedes einzelnen, woran er arbeitet und wie genau er ist. Nur wäre innerhalb der "Klöster" die Hierarchie nicht weltlich sondern in vielen Bereichen scheinbar umgekehrt, sodaß es leichter ist, und man nicht ganz allein ist, während man sich über die Welt verteilt. Man geht dann nicht völlig unter, wenn man von der Welt wegen einer scheinbar verdrehten Auffassung mißverstanden wird, sondern wird wenigstens im eigenen Kreis angesehener. Diese Klöster sind mit Recht Klöster genannt, weil sie massive Zusammenschlüsse "geistlicher", nicht den Bereich der sichtbaren Welt, sondern den des Geistes bearbeitenden und erforschenden Menschen sind, sie müssen aber nichts mit Keuschheit, Christentum und mit Religion allgemein zu tun haben. Manche könnten auch religiöse Klöster sein. Den Klöstern vorgelagert sind die "geistlichen" Schulen, die den Zustrom von jungen Künstlern bringen und die jeweilige Kunst als Kunstforschung theoretisch verbreiten. Es ist jetzt schon so, daß sehr viele junge Menschen, die Schwierigkeiten mit der Gesellschaft und ihren Wunschvorstellungen haben, Künstler werden wollen. Sie springen oft wieder ab, wenn sie bemerken, daß die Kunst genauso dort mündet, wo sie nicht hinwollen und daß es keine positive Möglichkeit gibt, als die, still zu sein und eine Hilfsarbeit anzunehmen. Die Drogenszene besteht aus Menschen, die Schwierigkeiten mit dem materiellen Weltbild haben. Der Weg, den ein Mensch zurücklegen muß, um einzusehen, wie wenig er fordern darf, was ihm Schmerzen bereitet und was ihn bindet, ist in allen Fällen so weit, daß man meint, er ist nie aus. Die meisten Jugendlichen werden, wenn sie das so hören, ein Kunstkloster ebenso wie ein echtes ablehnen. Aber vielleicht nicht eine Schule, die keine strengen Regeln hat. Und vielleicht nicht, wenn sie ein Beispiel sehen, das in der Welt steht, und das ihnen imponiert.



Maria Rauch, Wien, Februar 1991