Sicht der Künstler:



Es kommt oft vor, daß sich Künstler weigern, Aussagen über ihre Kunst zu machen. Das kann mehrere Gründe haben. Erstens kann sein, daß der Künstler fühlt, daß seine Arbeitsweise nicht der Art ähnelt, wie sie in aktuellen Kunsttexten besprochen wird. Er glaubt, unaktuell zu sein. Zweitens kann sein, daß er sich der Hintergründe und der Hauptschwerpunkte nicht bewußt ist. Es kann eine Angst sein, ein Bewußtwerden könnte dem Arbeitsvorgang schaden (es werden Wege "erforscht" (z.T. eben nicht erforscht, sondern auf andere Weise begangen), die sich durch ein Heben in den Bereich der Sprache und des Bewußtseins verwischen und verwirren würden. Manche Künstler gehen von einer Ganzheit aus, setzen die Ganzheit voraus, die zuerst in Formen, und erst später in Inhalte, Worte und Gedanken sich gliedert. Manche arbeiten mit großer Intensität daran, das bloße Ding ohne Assoziation entstehen zu lassen, sie wehren den ganzen Bereich des Denkens über eine Sache zugunsten der Sache und aus Angst vor Vermischung ab. Andere wieder verlieren sich mit einer solchen Leichtigkeit in Assoziationen, daß sie angesichts der harten Arbeit der anderen schlechtes Gewissen haben. Sie kommen bei Kunstschreibern wegen ihrer Regellosigkeit zu kurz, haben deshalb z.T. Angst, unaktuell zu sein, und sie wehren das rationelle Denken ebenfalls ab, um sich nicht zu vermischen. Einige von ihnen wollen wirklich nicht denken. Ich glaube aber, daß es von jeder Sorte welche gibt, die einen Faden nicht aus der Hand lassen, der sie durch Bereiche, in denen es kein denkbares Ziel der Ratio gibt, hindurchführt. Ich glaube, selbst wenn Künstler noch so sehr ausbrechen wollen aus den Gesetzen des menschlichen Geistes (bzw. Form, Inhalt usw.) , so wird es ihnen doch geschehen, daß sie eine Art Kommentarerfahrung zu ihren eigentlichen Handlungen machen, die sehr normal und rational ist. Auf diese Kommentarerfahrungen beginnt sich jeder unwillkürlich zu stützen, ohne daß sie, und ihre Abhängigkeit von Arbeit und Erleben ihm bewußt sind. Wenn sie unbewußt bleiben, entsteht Intoleranz. Wahrscheinlich sind die Möglichkeiten, innerhalb eines Zeitraumes, der doch eine unbewußte Themenstellung, einen unbewußten Randkommentarraum hat, auszubrechen, nicht unbegrenzt. Dazu kommt, daß einige Künstler anderen über Form oder gelernten Kommentarraum folgen. So bilden sich Zweige innerhalb eines von außen chaotisch aussehenden Systems. Heutzutage sind aktive, das chaotische System bildende Künstler und darüber nachdenkende, einen anglernten Kommentarfaden entwickelnde Theoretiker fast völlig getrennt. Die Theoretiker sind in Gefahr, angesichts des nur plural und individuell aussehnden Künstlerfeldes nur einen einzigen Kommentarfaden zu entwickeln.

Dieser führt zu einer einzigen gültigen Kunstauffassung, über die leicht nachzudenken ist. Gott sei dank gibt es noch andere Kriterien der Beurteilung von Kunst als das Verstehen. Aber es geht hier nicht um Beurteilung der Kunst von außen. Es geht um die inneren Inhalte der Kunst-Entwicklungsprozesse, um die Verständigung der Künstler untereinander und um ein herauslösen helfen von bereits existierenden Zweigen. Ich bin der Meinung, bin überzeugt, daß alle diese Zweige in ihrer ungelösten Gesamtheit ein sinnvolles Ganzes bilden. Aber gerade deshalb hat auch jeder als einzelner eine Existenzberechtigung, und ein System kann nicht stillstehen. Auch das Nachdenken über die ungeteilte Ganzheit des Bildes ist natürlich sinnvoll. Es handelt sich um verschiedene Dinge. Es kann sein, daß die Institutionalisierung der Kunstforschung, wie ich sie mir vorstelle, nur für den kurzen Zeitraum der Neuordnung nach unäußerlichen Themenfeldern hilfreich ist, ich könnte mir aber vorstellen, daß eine Organisationsform, die die inneren Inhalte innerhalb der Kunst (der Künstler), wie auch immer geartet und in welcher Form auch immer transportiert, sie lange Zeit positiv beeinflussen könnte. Diese Entwicklung wäre eine Art Verwissenschaftlichung, allerdings sollte sie ganz anders aussehen. Wenn sich die Kunst durch und durch ihrem momentanen Potential entsprechend entfaltet, und keine Zweige absterben, dann würden sich "Forschungs" - mit Vorsicht zu gebrauchen - Wege entwickeln, die in ihrer Vorgangsweise noch nie dagewesen sind. Die Surrealisten, Andre Breton, sind ein Beispiel, ein früher Sproß. Sie sind in ihrer Vorgangsweise/Forschungsweise/Lebensform/Denkform wirklich anders als der Rest des 20. Jahrhunderts. Sie beginnen irgendwo in ihrem Inneren, sich nach einem Programm zu ändern und denken nicht an Werke, sie sind ein Kunstforschungszweig. Einige ihrer Mitglieder sind Opfer des Wahnsinns geworden. Ich könnte mir auch eine Kolonie von konkreten Künstlern vorstellen, die eine spezifische Lebensweise entwickeln, die ihren Erkenntnissen und Bedürfnissen entspricht. Natürlich auch einzelne Künstler. Diese Randergebnisse wären oft Hauptergebnisse, wahrscheinlich sind sie im idealen Fall Hauptergebnisse. Sie ersetzen Voraussetzungen wie Traditionen und geistige Kulturformen, die eine bestimmte Form gefordert haben. Sie bilden den Raum. Den Künstlern bleiben ihre Hauptergebnisse unwichtig, weil sie ihnen niemand aus den Händen reißt. Der Bereich der Tradition und der vorgegebenen Kulturform ist natürlich immer untergelagert und unserer Kulturform entspricht neben unbewußt wiederholten Möglichkeiten wie Keilrahmen und Graffity das Entwickeln/Aufdecken von Formen und in der Folge von Denkstrukturen.



Maria Rauch, Wien, Februar 1991